Politischer Silberblick statt Silberstreif

Zielsicher zerhackt EJZ-Chefredakteur -gel in seinem „Kampfkommentar“ den Armutsbegriff und die atypischen Jobs. Und „entlarvt“ in seinen Artikeln den Missbrauch statistischer Ergebnisse durch Menschen mit bestimmter politischer Motivation. Überraschend ist das nicht, auch dass er die gleichzeitig veröffentlichten alarmierend gestiegenen Zahlen von atypischen Jobs (Teilzeit, Leiharbeit, Minijob) nicht als besonderes Problem ansieht. Kein Wort auch zu dem prognostizierten Problem der Altersarmut auf Hartz IV-Niveau, sorry, Grusi wie man heute sagt. Sein beschriebener Silberstreif ist bei genauem Hinsehen ein politischer Silberblick, dem Weitblick, Tiefenschärfe und Zusammenhänge fehlen.

Fakt ist, dass die Hälfte der in DAN Beschäftigen atypische Jobs hat. Das ist insofern wichtig, weil damit die immer wieder angeführten 45 Jahre dauernden durchgehenden Arbeitsverhältnisse für die Berechnung von zukünftigen Renten bewußte Irreführung sind, sprich gelogen. Frauen sind besonders betroffen. Da empfehle ich -gel die Lektüre der frischen Sozialraumanalyse für DAN. Durch das Absenken des Rentenniveaus bis auf 43% bis 2030 wird schon jetzt von diversen Instituten voraus gesagt, dass ab ca. 2030 ca. die Hälfte der Rentner Renten in Grusi-Höhe haben werden, ca. 700€.

Der Vollzeit-Gehalts-Median beträgt für DAN 2758€. Für die 28% Geringverdiener in DAN bzw. die atypisch Arbeitenden eine nie zu erreichende utopische Größe. Wer z.B. 1450 € brutto verdient – und das ist gar nicht so selten – müßte laut Berechnung des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg  63,2 Jahre arbeiten um eine Rente in Grusi-Höhe (!) zu bekommen.

Übrigens, besonders oft gibt es atypische Arbeitsverhältnisse in den ersten 15 Jahren des Berufslebens. Unbezahlte Praktika, geringer Verdienst, befristete Verträge etc., alles führt zu Lücken und Dellen in der Arbeitsvita.

Was also nützt der Median-Wert einer Vollzeitstelle für eine umfassende Betrachtung der immer prekärer werden Situation für viele Menschen? Ja, ich gebe zu, ich bin politisch motiviert und versuche deshalb Fakten die zusammen gehören auch zusammen zu interpretieren und in ihren Folgen zu erfassen. Das liefert -gel nicht und genau damit ist sein „Bericht“ politisch motiviert, allerdings in entgegen gesetzter Richtung.

Die IG BAU fordert angesichts dieser Entwicklung mit Blick auf die Bundestagswahl „klare Konzepte gegen die Unwucht im Arbeitsmarkt“. Ehrlich, „Unwucht“ ist schon eine Verharmlosung. Hier tickt eine soziale Bombe, der nur mit einer völlig veränderten Politik zu begegnen ist. Laue Lüftchen a la Martin Schulz, noch dazu ohne den Versuch, dafür auch Mehrheiten zu schaffen, bringen nichts.

Kurt Herzog

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